Die Geschichte des Schnapsens: Ein Spiel mit langem Gedächtnis
Schnapsen ist aus Kartenspielen gewachsen, die seit dreihundert Jahren im deutschen Sprachraum gespielt werden, und es wird bis heute mit Karten gespielt, die eine Schweizer Sage zeigen und zuerst in Ungarn gedruckt wurden. Hier steht, woher das Spiel und seine Karten kommen und warum sie wichtig sind.
Herkunft
Von der Mariage zum Schnapsen
Schnapsen gehört zu einer großen Familie von Kartenspielen, die alle auf einer Idee beruhen: König und Ober derselben Farbe sind ein Paar, und wer das Paar zeigt, bekommt Punkte. Daher kommen Zwanziger und Vierziger. Das älteste gut belegte Spiel dieser Familie ist die Mariage, französisch für Hochzeit, zuerst beschrieben 1715 in einem Leipziger Frauenzimmer-Lexikon. Gespielt wurde mit 32 Karten, und in Tschechien lebt das Spiel als Mariáš weiter.
Eine Tafel in Paderborn behauptet, das Sechsundsechzig sei dort 1652 in einem Wirtshaus erfunden worden. Wer der Sache nachging, fand keine Belege; vermutlich ist die Geschichte eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Spielbücher zeigen dagegen, dass um 1860 das Sechsundsechzig als kürzere Mariage auftaucht: 24 statt 32 Karten, und das Spiel ist aus, sobald einer 66 hat.
Schnapsen ist ein gestrafftes Sechsundsechzig: Die Neuner fallen weg, es bleiben 20 Karten, und jeder bekommt fünf statt sechs. Woher der Name kommt, weiß niemand genau. Vielleicht von schnappen, einen Stich schnappen, vielleicht, wie man sich erzählt, weil um ein Stamperl Schnaps gespielt wurde, oder von Schnorps, einem alten sächsischen Namen für das Spiel. Eine Quelle von 1880 sagt, es sei 1866 mit den Preußen nach Österreich gekommen. Um 1920 standen die Regeln in einem Wiener Spielbuch, und da wurde es längst überall gespielt.
Bauernschnapsen, auch Viererschnapsen genannt, ist die österreichische Art, es zu viert zu spielen: zwei gegen zwei, die Partner gegenüber, alle Karten im Spiel, dazu die höheren Spiele vom Bettler bis zum Bauer. Wann es anfing, hat niemand aufgeschrieben. Es ist an den Tischen gewachsen, und darum hat jede Gegend ihre eigenen Namen und Sonderspiele, über die bis heute gestritten wird.
Die Karten
Herz, Schelle, Eichel und Blatt
Der Großteil der Welt spielt mit französischen Karten: Herz, Karo, Kreuz und Pik. In Österreich wird Schnapsen meist mit deutschen Farben gespielt, und die sind älter.
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Herz
wie Herz
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Schelle
wie Karo
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Eichel
wie Kreuz
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Blatt
wie Pik
Spielkarten kamen in den späten 1370er-Jahren in den deutschen Sprachraum. Die Kartenmacher probierten viele Zeichen aus, bis sich um 1450 vier durchsetzten: Herz, Schelle, Eichel und Laub oder Blatt. Die französischen Farben wurden um 1480 aus diesen deutschen abgeleitet. Ihre einfachen Formen waren leicht zu drucken, und mit Frankreich, Großbritannien und später Amerika im Rücken gingen sie um die Welt.
Deutsche Karten haben keine Dame. Jede Farbe hat einen König und zwei Buben, den Ober, der das Farbzeichen oben trägt, und den Unter, der es unten trägt. Die höchste Karte, das Ass, ist eigentlich ein Zweier, das Daus: Das echte Ass verschwand im 15. Jahrhundert aus den deutschen Blättern, und das Daus rückte nach. Die französischen Karten kamen mit den Heeren des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) nach Norden und verdrängten die deutschen Farben aus dem Großteil Norddeutschlands. Der Süden und der Osten blieben dabei.
Dort findet man sie bis heute: in Bayern und im übrigen Süden und Osten Deutschlands, in Österreich und Südtirol, in Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Slowenien und Kroatien und noch weiter im Osten und Süden, zu einem guten Teil in den alten Ländern der Habsburgermonarchie. In Österreich heißen sie Doppeldeutsche: deutsche Farben, jedes Bild zweimal gedruckt, Kopf an Kopf, damit die Karte in jeder Richtung gleich aussieht. Die älteren Einfachdeutschen, bei denen ein einziges Bild die ganze Karte füllt, spielt man noch in Vorarlberg.
Das Wilhelm-Tell-Bild
Eine Schweizer Sage, gedruckt in Ungarn
Die Figuren auf den Karten stammen aus Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell von 1804, der Geschichte des Schweizer Armbrustschützen, der sich gegen einen habsburgischen Vogt auflehnt. Wer genau hinschaut, sieht ihre Namen neben ihnen, auf Ungarisch.
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Tell Vilmos
Wilhelm Tell, Eichel-Ober
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Geszler Herrmann
Gessler, der Vogt, Herz-Ober
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Rudenz Ulrich
Ulrich von Rudenz, Blatt-Ober
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Stüszi vadász
Stüssi, der Jäger, Schelle-Ober
Das Bild tauchte um 1835 in Pest auf, heute ein Teil von Budapest. Der erste Hersteller war sehr wahrscheinlich der Kartenmaler József Schneider, etwa zur selben Zeit auch Ödön Chwalowsky aus Pest. Schillers Drama kannte man in Ungarn da schon: 1827 wurde es in Kolozsvár, dem heutigen Cluj in Rumänien, zum ersten Mal auf Ungarisch gespielt.
Warum Tell? Am häufigsten erzählt man, es sei ein leiser Protest gewesen. Ungarn begehrte gegen die Habsburger auf, und eine Schweizer Sage über einen Aufstand gegen einen habsburgischen Vogt konnte ein Zensor schwer verbieten. Aufgeschrieben hat das niemand, es bleibt also eine gute Geschichte und keine bewiesene Tatsache. Sicher ist: Ab 1865 druckte der Wiener Kartenhersteller Piatnik das Bild und verbreitete es in der ganzen Monarchie, und um 1890 hatte es in Ungarn die anderen Bilder mit deutschen Farben verdrängt.
Die vier Asse zeigen die vier Jahreszeiten, eine Idee, die wohl auf ein Wiener Blatt von 1823 oder 1824 zurückgeht: Frühling auf Herz, Sommer auf Schelle, Herbst auf Blatt und Winter auf Eichel. Die Könige sitzen zu Pferd, und Ober und Unter tragen die Namen aus dem Drama. In der Schweiz, Tells Heimat, wurde mit diesen Karten nie gespielt.
Am Tisch
Ein Spiel fürs Wirtshaus
Schnapsen gilt oft als das österreichische Nationalkartenspiel. Gespielt wird im Wirtshaus, am Küchentisch und bei Turnieren, von Vorarlberg bis Wien und in den alten Ländern Österreich-Ungarns.
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Das Bummerl
Gezählt wird von 7 hinunter, oder wie im Spiel hinauf bis 7, und der Verlierer bekommt das Bummerl, traditionell einen dicken Kreidepunkt oder eine Kugel am Zählbrett. Eine Partie geht meist auf zwei oder drei Bummerl.
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In der Alltagssprache
„Das Bummerl haben“ heißt, der Gelackmeierte zu sein, beim Kartenspielen und überall sonst. Der Wiener Sänger Horst Chmela hat sogar ein Lied daraus gemacht: Ana hot imma des Bummerl.
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Preisschnapsen
Die großen Turniere in Österreich heißen Preisschnapsen: ein K.-o.-Turnier, bei dem man mehrere Startkarten kaufen darf, mit Preisen für die besten acht. Früher bekam der Sieger eine Gans.
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Geschick, nicht Glück
Nach österreichischem Recht ist Schnapsen ein Geschicklichkeitsspiel und kein Glücksspiel: Mitzählen, Trümpfe merken und wissen, wann man zudreht, darauf kommt es an.
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Jeder Tisch seine Regeln
Vor allem Bauernschnapsen wird von Tal zu Tal ein wenig anders gespielt: welche höheren Spiele gelten, wie sie heißen und was sie zählen. Dieses Spiel hält sich an die Regeln eines echten Tisches.
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Über Grenzen hinweg
Dasselbe Spiel wird unter anderen Namen und mit anderen Karten in Bayern, in Ungarn, in Oberschlesien und in den alten Ländern Österreich-Ungarns gespielt. Bei Turnieren, wo Spieler aus verschiedenen Gegenden zusammenkommen, gibt es eigene Karten mit deutschen und französischen Farbzeichen.
Zeitleiste
Sechshundert Jahre in einem Packerl
- späte 1370er
Spielkarten kommen in den deutschen Sprachraum.
- um 1450
Die deutschen Farben setzen sich durch: Herz, Schelle, Eichel und Laub.
- um 1480
Die französischen Farben werden aus den deutschen abgeleitet.
- 1618–1648
Der Dreißigjährige Krieg bringt französische Karten nach Norden; Süden und Osten bleiben bei den deutschen Farben.
- 1715
Die Mariage wird zum ersten Mal beschrieben, in Leipzig.
- 1804
Schiller schreibt den Wilhelm Tell.
- um 1835
In Pest erscheint das Wilhelm-Tell-Bild.
- um 1860
Das Sechsundsechzig steht in deutschen Spielbüchern.
- 1865
Piatnik in Wien beginnt, das Tell-Bild zu drucken, und es verbreitet sich in der ganzen Monarchie.
- um 1920
Die Regeln des Schnapsens stehen in einem Wiener Spielbuch.
- heute
Schnapsen und Bauernschnapsen werden in Österreich und bei den Nachbarn zu Hause, im Wirtshaus und bei Turnieren gespielt, und jetzt auch am Bildschirm.
Warum dieses Projekt
Damit die Karten am Tisch bleiben
Solche Spiele leben, solange sie gespielt werden. Weitergegeben werden sie am Tisch, von den Großeltern an die Enkel, von einem Stammgast an den nächsten, und kaum etwas davon ist aufgeschrieben. Ziehen Familien weg oder wächst eine Generation mit anderen Spielen auf, kann eine ganze Art zu spielen leise verschwinden.
Dieses Projekt will dieses Erbe lebendig halten und mehr Menschen darauf aufmerksam machen. Es spielt nach den Regeln eines echten österreichischen Tisches, Spiel für Spiel von Leuten geprüft, die es spielen, mit den klassischen Wilhelm-Tell-Karten, den alten Wörtern und österreichischen Stimmen am Tisch. Gegen den Computer ist es gratis, damit jeder es lernen kann, und Familien und Freunde, die weit auseinander wohnen, sitzen wieder am selben Tisch.
Quellen
Woher das stammt
Jahreszahlen mit „um“ sind Schätzungen der Quellen. Wo die Quellen sich widersprechen, steht das hier dabei, oder es fehlt.
- Schnapsen, Wikipedia (English)
- Schnapsen, Wikipedia (Deutsch)
- Bauernschnapsen, Wikipedia (Deutsch)
- Sixty-six (card game), Wikipedia
- Schnapsen, John McLeod, pagat.com
- German-suited playing cards, Wikipedia
- French-suited playing cards, Wikipedia
- William Tell cards, Wikipedia
- Tell pattern, type 1, The International Playing-Card Society
- German playing cards, Rick Heli
- Why is the Swiss William Tell on the playing card?, Képmás